Paradigmenwechsel 7: Techniken zur Reduzierung kritischer Fehler und ihre neurowissenschaftlichen Grundlagen

Im Juni haben wir bereits die Technik des Self-Triggering, eine von vier Techniken zur Reduzierung kritischer Fehler (CERTs), kennengelernt. Damit wir uns im Ernstfall schnell genug „triggern“ also in einer potenziellen Gefahrensituation schnell reagieren können, müssen wir die neuronalen Wege in unserem Gehirn dafür schaffen. Self-Triggering muss so verinnerlicht werden, dass es – ähnlich wie ein Reflex – zum automatisch ablaufenden Reiz-Reaktionsmuster wird. Wie das gelingt und wie Sie durch Self-Triggering nicht nur mit den Zuständen Hektik, Frustration und Müdigkeit, sondern auch mit Selbstüberschätzung zurechtkommen, erfahren Sie nun im Teil 7 der Paradigmenwechselreihe.

Reflexe und Gewohnheiten: Mit unbewussten Prozessen Verletzungen vermeiden

Gewohnheiten und Reflexe folgen keiner bewussten Entscheidung: Als unterbewusste, neurologische Prozesse spielen sie sich automatisch ab. Welche Prozesse genau im Gehirn stattfinden, konnte erst durch die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) als bildgebendes Verfahren erforscht werden. Auch was im Gehirn passiert, wenn wir Self-Triggering anwenden und warum es funktioniert, lässt sich anhand dieser neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse zeigen.

Unbeabsichtigten Fehlern vorbeugen, Verletzungen vermeiden

Im sechsten Paradigmenwechsel haben wir bereits die Technik des Self-Triggerings kennengelernt. Damit dieses effektiv wirken kann, ist die Geschwindigkeit, in der sie abläuft, entscheidend. Denn auch ein Sekundenbruchteil zu spät ist noch immer zu spät. Der Mechanismus muss also eine reflexartige Geschwindigkeit erreichen – und dafür benötigen wir unser Unterbewusstsein. Nur wenn die Reaktion ohne bewusstes Überlegen („Wenn dies passiert, dann muss ich jenes tun“) – also unbewusst – abläuft, ist sie schnell genug. Um sich dieses „blitzschnelle“ Reaktionsvermögen anzueignen, braucht es intensives Training – und viel Zeit. Nur durch ständige Wiederholung lassen sich diese automatischen Reiz-Reaktionsmuster einüben.

Ein Beispiel: So schnell laufen unbewusste Prozesse ab

Beantworten Sie so schnell wie möglich die Frage: Was ergibt 3 x 4? Vermutlich hatten Sie die Antwort bereits im Kopf, bevor Sie sie hier lesen: 12.

Dieses Beispiel führt uns die Geschwindigkeit unbewusster Prozesse vor Augen. Damit dies jedoch so schnell funktioniert, sind die vorausgegangenen Wiederholungen ausschlaggebend: Sie müssen gar nicht mehr darüber nachdenken – und gleichzeitig sind Fehler nahezu ausgeschlossen.

Zum Vergleich: Wie schnell fällt Ihnen das Ergebnis von 13 x 14 ein? Natürlich könnten Sie die Aufgabe im Kopf ausrechnen – doch das dauert. Das Ergebnis lautet übrigens 182 und vermutlich haben Sie noch nicht selbst die Lösung parat. Auch die Zeit im entscheidenden Moment, bevor Sie einen Verkehrsunfall haben oder auf der Treppe in der Lagerhalle ausrutschen, reicht nicht, um zu überlegen, was Sie jetzt tun sollen. Deshalb muss Self-Triggering automatisch ablaufen und so eine blitzschnelle Reaktion ermöglichen. Dazu braucht es Übung.

Wie Sie Ihr Unterbewusstsein richtig programmieren

Wiederholungen sind der entscheidende Hebel, um das Unterbewusstsein zu trainieren. Das funktioniert ähnlich wie bei einem Trampelpfad: Erst wenn häufig der gleiche Weg über eine Wiese genutzt wird, bildet sich ein Pfad heraus. Dieser wird mit der Zeit immer breiter. Genauso funktionieren die neuronalen Wege in unserem Gehirn: Je öfter wir etwas wiederholen, desto schneller läuft dieser Prozess ab. So können bestimmte Reize dann automatische Reaktionen hervorrufen. Wenn wir beispielsweise auf einer Klippe stehen und in den Abgrund schauen, oder wenn wir etwas sich im Gras schlängeln sehen, löst dies instinktiv ein Gefühl von Gefahr aus. Diese unbewusste Reaktion lässt sich auch für die persönliche Sicherheit nutzen. Nämlich dann, wenn Hektik oder Frustration aufkeimen oder sich Müdigkeit einstellt – und wir ein automatisch eingeübtes Reaktionsmuster haben, das unbeabsichtigte Fehler infolge dieser Zustände verhindert.

Trampelpfade im Gehirn: Die Macht der Wiederholung

Aus neurowissenschaftlicher Perspektive geht es also darum, mithilfe von Wiederholungen dafür zu sorgen, dass die Menschen Hektik, Frustration und Müdigkeit sofort mit Gefahr in Verbindung bringen, diese Zustände also eine unbewusste Assoziation hervorrufen. Damit sind wir wieder im „Hier und Jetzt“ und können in Echtzeit ganz bewusst entscheiden, unsere Augen und unseren Kopf wieder zur Sache zurückzubringen. Bis diese Prozesse wirklich automatisch ablaufen, braucht es viele Wiederholungen. Darum hilft das Erzählen von Geschichten dabei, das Self-Triggering immer schneller anwenden zu können, um kritische Fehler und damit auch Verletzungen zu vermeiden.

Selbstüberschätzung bekämpfen

Im Gegensatz zu den Zuständen Müdigkeit, Hektik und Frustration lässt sich Selbstüberschätzung nicht so leicht in den Griff bekommen. Denn wenn wir uns einmal in diesem Zustand befinden, dann nehmen wir ihn kaum mehr wahr. Selbstüberschätzung tritt nicht von einem auf den anderen Moment ein. Vielmehr handelt es sich um einen schleichenden Prozess, der viel mit Gewöhnung zu tun hat. Wir gewöhnen uns beispielsweise sehr schnell daran, 100 Kilometer pro Stunde zu fahren – und das trotz der hohen gefährlichen Energie. Sobald das Bewusstsein für die Gefahr sinkt, beginnen unsere Gedanken abzuschweifen. Diesen Prozess können wir nicht kontrollieren: Es passiert einfach, sobald unser Unterbewusstsein für sich entscheidet, dass wir „es kapiert“ haben. Wir können also Ablenkungen aufgrund von Selbstüberschätzungen nicht verhindern. Doch auch Selbstüberschätzung lässt sich bekämpfen – mit der dritten Technik zur Reduzierung kritischer Fehler (CERT).

Gehirn blendet Gewohntes aus

Unser Gehirn neigt dazu, gewohnte und vertraute Dinge auszublenden. Wir nehmen sie nicht mehr bewusst war. Das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS) filtert sozusagen die Eindrücke in unserer Wahrnehmung: Das Zwitschern der Vögel tritt in den Hintergrund und wir hören das Rascheln im Gras – was ein Anzeichen für eine Schlange sein könnte. Damit haben wir die Möglichkeit, uns außer Gefahr zu bringen. Vor 80.000 Jahren mag es überlebenswichtig gewesen sein, vor einer Schlange fliehen zu können. Diese Fähigkeit ist allerdings in heutigen Gefahrensituationen kaum hilfreich, beispielsweise wenn es darum geht, bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn wachsam zu bleiben.

Aus Beobachtungen lernen

Sicheres Verhalten lässt sich auch durch die Beobachtung anderer erreichen. Wenn Sie zum Beispiel selbst am Steuer sitzen und Ihnen auffällt, dass das nachfolgende Fahrzeug an Ihrer Stoßstange klebt, werden Sie fast wie von selbst Ihren eigenen Abstand zum Wagen vor Ihnen überprüfen. Wir beobachten andere und nehmen ihre Zustand-Fehler-Risiko-Muster wahr: Jedes Mal, wenn wir es bemerken, denken wir selbst automatisch über unser eigenes Verhalten nach, und welche Risiken für unsere persönliche Sicherheit im Moment bestehen. Üben wir dieses gezielte Beobachten von Zustand-Fehler-Risiko-Mustern, dann trainieren wir unser ARAS dazu, uns ein Warnsignal zu geben, sobald wir eines beobachten – auch bei uns selbst. Das Filtern der Sinneseindrücke durch unser ARAS können wir also steuern, indem wir es darauf trainieren, das wahrzunehmen, was uns wichtig erscheint.

Ein Blick für Sicherheit

Diese Fähigkeit ist uns häufig gar nicht bewusst. Probieren Sie es ruhig einmal aus: Schauen Sie sich nach allen Dingen um, die rot sind, bevor sie das Haus verlassen. Wenn Sie unterwegs sind, zählen Sie mit, wie viele rote Autos Sie sehen. Es sind mehr, als man denkt. Mit ein bisschen Übung können Sie Ihr ARAS auf verschiedenste Dinge konditionieren, und manchmal tun wir dies auch unbewusst. Junge Mütter hören überall Babys schreien. Andere nehmen in jeder Fußgängerzone sofort das Logo ihrer Lieblingskette wahr.

Ebenso lässt sich das ARAS auf Risikomuster hin prägen: Sobald Sie beginnen, diese Muster wahrzunehmen, werden Sie sie überall finden. Mit dieser Technik zur Reduzierung kritischer Fehler können Sie Selbstüberschätzung in den Griff bekommen, indem sie sofort das entsprechende Muster erkennen und richtig reagieren.

Aus Beinaheunfällen und kleinen Fehlern lernen

Die letzte der vier Techniken zur Reduzierung kritischer Fehler lautet: „Beinaheunfälle und kleine Fehler analysieren“ – damit gravierende Fehler gar nicht erst passieren. Tatsächlich ereignen sich wesentlich mehr leichte Verletzungen und Beinaheunfälle als schwere Verletzungen. Doch egal wie der Ausgang eines Vorfalls ist: Das Zustand-Fehler-Risiko-Muster ist immer gleich. Daher ist es möglich, schon aus Fehlern ohne schwerwiegende Konsequenzen das zu lernen, was nötig ist, um Unfälle und Verletzungen zu vermeiden. Immer wenn Sie

  • einen Fehler machen
  • sich anstoßen
  • kurz Ihr Gleichgewicht verlieren (auch ohne zu stürzen),

fragen Sie sich nach dem Grund dafür. Lag es womöglich daran, dass Sie nicht bemerkt haben, dass Sie

  • in Hektik verfallen sind?
  • von etwas frustriert waren?
  • müde geworden sind?
  • sich selbst kurzzeitig überschätzt haben und deshalb kurz abgelenkt waren?

Im Fall von Hektik, Frustration oder Müdigkeit haben Sie versäumt, sich rechtzeitig selbst zu triggern. Haben Sie sich selbst überschätzt, dann sollten Sie wahrscheinlich an Ihren sicherheitsrelevanten Gewohnheiten arbeiten, oder Sie sollten vielleicht mehr Zeit damit verbringen, andere zu beobachten, um aus deren Zustand-Fehler-Risiko-Mustern zu lernen.

Aus Fehlern lernen, schwere Unfälle vermeiden

Lernen Sie aus Beinaheunfällen und leichten Verletzungen, indem Sie darüber nachdenken, wie diese auch schlimmer hätten ausgehen können. Durch das Gedankenspiel mit Worst Case-Szenarien erschaffen Sie neue neuronale Wege in Ihrem Gehirn und stärken diese. Dadurch entwickeln Sie langfristig ein nahezu sofortiges Gefühl von Gefahr in ähnlichen Situationen. Deshalb ist es so wichtig, die Geschichten hinter den erlebten Verletzungen und Beinaheunfällen durchzusprechen, die jeweiligen Zustände und unbeabsichtigten und kritischen Fehler zu betrachten und dann darüber nachzudenken, wie es womöglich schlimmer hätte kommen können. Dabei geht es nicht um Angstmacherei: Im Grunde nutzen wir nur die neurowissenschaftlichen Grundlagen zu unserem Vorteil.

Schon gewusst? Ihre Vorstellungskraft trägt dazu bei, Verletzungen zu vermeiden

Anstatt den Schmerz selbst zu erleben, können wir also auch einfach nur darüber nachdenken, wenn wir die Geschichten von anderen Menschen hören – das funktioniert beinahe genauso gut. Führungskräfte und Sicherheitsverantwortliche müssen den Sinn hinter diesem Dialog erkennen. Denn gerade diese verstehen meist nicht, warum sie wertvolle Arbeitszeit darauf verschwenden sollten,

  • Mitarbeiter ins Gespräch zu bringen
  • Geschichten zu erzählen und erzählen zu lassen
  • Über ernsthafte Unfallverletzungen zu sprechen
  • Die damit verbundenen Schmerzen und Umstände zu schildern
  • Die Muster hinter den kritischen Fehlern zu diskutieren.

Für dieselben Menschen gehört Sicherheit in der Regel zu den unnötigen Kosten. Doch gerade mit dieser Methode können sie effektiv – und kostengünstig – zu einer Reduzierung der Verletzungszahlen beitragen. Denn: Sich der eigenen Vorstellungskraft zu bedienen kostet nichts.

Unbeabsichtigte Fehler vermeiden, Verletzungen und Unfälle bei der Arbeit verhindern

Die vier vorgestellten Techniken zur Reduzierung kritischer Fehler geben uns die Möglichkeit, Verletzungen zu vermeiden, die durch unser eigenes Verhalten ausgelöst werden – also mehr als 95 Prozent aller Verletzungen, die passieren. Diese Techniken basieren auf neurowissenschaftlichen Grundlagen, erfordern Zeit und viel Übung. So, wie sich ein Pfad durch eine Wiese immer mehr herausbildet, hängt es von den Wiederholungen ab, wie stark sich die neuronalen Wege erstens entwickeln und zweitens stärken und erhalten lassen. Das Gleiche gilt im Übrigen für Musikinstrumente und Fremdsprachen: Nur wenn wir die Wege immer wieder gehen – also das Erlernte anwenden – bleiben sie bestehen.

Wir können also eine Menge aus den Neurowissenschaften für uns mitnehmen. Umso mehr sogar, wenn es um Selbstüberschätzung und sicherheitsrelevante Gewohnheiten geht – und darum, wie Hektik, Frustration, Müdigkeit und Selbstüberschätzung selbst positive Gewohnheiten außer Kraft setzen können.

Im nächsten Teil der Paradigmenwechselreihe geht es einerseits darum, welchen Einfluss die Zustände Hektik, Frustration und Müdigkeit ganz konkret auf Unfälle nehmen, und andererseits um die Stufen der Selbstüberschätzung.

 

Ihr
Larry Wilson

 

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